Zukunftstag – im Gespräch mit Ariane Gerber
Ariane Gerber ist von Geburt an gehörlos und arbeitet als Gebärdensprachpädagogin am HSM Münchenbuchsee. Seit 2022 ist sie Mitglied des Stiftungsrats der Stiftung PROCOM. Sie zeigt, dass gehörlose Menschen bei PROCOM nicht nur mitarbeiten, sondern auch mitentscheiden und mitgestalten. Als Stiftungsrätin bringt sie ihre Perspektive ein und prägt die strategische Ausrichtung von PROCOM aktiv mit.
Im Interview erzählt sie, wie die gleichberechtigte Zusammenarbeit zwischen gehörlosen und hörenden Menschen gelingt, welche Rolle gegenseitiger Respekt dabei spielt und was sie jungen gehörlosen Menschen für ihre berufliche Zukunft mitgeben möchte.

Zukunftstag – 12. November 2026
Wann: Donnerstag, 12. November 2026, 15–16 Uhr
Wo: Olten und online
Sprache: Deutschschweizerische Gebärdensprache (DSGS), mit Übersetzung in die französische (LSF) und italienische Gebärdensprache (LIS)
Im Gespräch mit Ariane Gerber
1. Kannst du dich kurz vorstellen und erzählen, was deine Aufgabe bei PROCOM ist?
Mein Name ist Ariane Gerber. Ich bin von Geburt an gehörlos und arbeite als Gebärdensprachpädagogin am HSM Münchenbuchsee.
Seit 2022 bin ich Mitglied des Stiftungsrats der Stiftung PROCOM. Dort bringe ich meine Erfahrungen und meine Perspektive als gehörlose Person ein. Mir ist besonders wichtig, dass die Angebote und Dienstleistungen von PROCOM den Bedürfnissen gehörloser Menschen entsprechen und eine barrierefreie Kommunikation ermöglichen.
2. Was gefällt dir an deiner Arbeit bei PROCOM besonders?
Mir gefällt besonders, dass ich meine persönlichen Erfahrungen und meine Perspektive als gehörlose Person einbringen und aktiv mitgestalten kann. Ich schätze den Austausch zwischen gehörlosen und hörenden Menschen im Stiftungsrat. Dabei können wir unterschiedliche Sichtweisen und Meinungen austauschen, gemeinsam diskutieren und wichtige Entscheidungen mitgestalten.
3. Welche persönlichen Stärken bringst du in deinen Beruf ein?
Ich bin offen, direkt, engagiert und kommunikativ. Mir sind Gerechtigkeit, Ehrlichkeit und gegenseitiger Respekt sehr wichtig. Ich setze mich dafür ein, dass alle Menschen fair behandelt werden und die gleichen Chancen erhalten.
4. Woran hast du bei PROCOM gemerkt, dass deine Fähigkeiten und deine Meinung zählen?
Auch wenn sich meine Meinung nicht immer durchsetzt, finde ich es wichtig, meine Erfahrungen als selbst betroffene gehörlose Person einzubringen. Wir sind ein offenes Gremium, in dem unterschiedliche Meinungen Platz haben. Manchmal kann ich mich mit meiner Meinung durchsetzen, manchmal auch nicht. Ich kenne die Bedürfnisse und Herausforderungen der Gehörlosengemeinschaft aus eigener Erfahrung. Deshalb möchte ich mitreden, mitgestalten und dazu beitragen, dass diese Bedürfnisse bei Entscheidungen berücksichtigt werden.
5. Was braucht es aus deiner Sicht, damit gehörlose und hörende Menschen wirklich auf Augenhöhe zusammenarbeiten können?
Alle Menschen müssen gleichberechtigt und fair behandelt werden. Barrierefreie Kommunikation, Gebärdensprache und Dolmetschende sollten selbstverständlich sein. Wichtig ist auch, dass gehörlose Menschen bei Entscheidungen wirklich mitbestimmen können.
6. Kannst du uns ein konkretes Beispiel erzählen, bei dem die Zusammenarbeit zwischen gehörlosen und hörenden Mitarbeitenden besonders gut funktioniert hat?
Alle Menschen sollen gleichberechtigt und fair behandelt werden. Barrierefreie Kommunikation, Gebärdensprache und der Einsatz von Gebärdensprachdolmetschenden sollten selbstverständlich sein. Wichtig ist auch, dass gehörlose Menschen bei Entscheidungen, die sie betreffen, wirklich mitbestimmen können.
Bei den Sitzungen im Stiftungsrat arbeiten gehörlose und hörende Mitglieder gemeinsam an verschiedenen Themen. Dank der Gebärdensprachdolmetschenden können alle mitdiskutieren und ihre Ideen einbringen. Besonders gut funktioniert die Zusammenarbeit, wenn unterschiedliche Meinungen respektiert und ernst genommen werden.
7. Was bedeutet Inklusion für dich persönlich – und woran merkst du, dass sie im Arbeitsalltag wirklich funktioniert?
Ehrlich gesagt bin ich kein grosser Fan des Begriffs «Inklusion». Für mich sollte es selbstverständlich sein, dass alle Menschen gleichberechtigt sind, fair behandelt werden und barrierefreien Zugang haben. Ich möchte keine Sonderbehandlung, sondern die gleichen Rechte, Chancen und Möglichkeiten wie alle anderen.
8. Gibt es etwas, das Arbeitgeber oder hörende Kolleginnen und Kollegen über die Zusammenarbeit mit gehörlosen Menschen besser verstehen sollten?
Gehörlose Menschen können genauso viel leisten wie hörende Menschen. Wir brauchen weder Mitleid noch eine Sonderbehandlung, sondern faire Chancen, Respekt und barrierefreie Kommunikation. Wichtig ist, dass wir direkt einbezogen werden, unsere Meinungen und Bedürfnisse ernst genommen werden und nicht über unsere Köpfe hinweg entschieden wird.
Ein gutes Beispiel dafür ist die Zusammenarbeit zwischen dem Stiftungsrat und der Geschäftsleitung von PROCOM. Gehörlose und hörende Menschen tauschen sich offen aus, diskutieren unterschiedliche Meinungen und bringen ihre Perspektiven ein. Dank Gebärdensprachdolmetschenden können alle gleichberechtigt an den Gesprächen teilnehmen und mitwirken.
9. Hast du schon einmal erlebt, dass dir aufgrund deiner Gehörlosigkeit weniger zugetraut wurde? Wenn du darüber sprechen möchtest: Wie bist du damit umgegangen und was hätte die Situation besser gemacht?
Ja, leider habe ich solche Situationen schon erlebt. Manchmal wird unterschätzt, was gehörlose Menschen alles können, oder unsere Meinung wird nicht genügend ernst genommen. Ich versuche, selbstbewusst zu bleiben und zu zeigen, dass nicht unsere Gehörlosigkeit das Problem ist, sondern oft die Barrieren und Vorurteile in der Gesellschaft.
10. Was würdest du einer gehörlosen Person im Alter von 14 Jahren mitgeben, die sich Gedanken über ihre berufliche Zukunft macht?
Glaube an dich und deine Fähigkeiten! Lass dir von niemandem sagen, was du wegen deiner Gehörlosigkeit nicht schaffen kannst. Sei mutig, kämpfe für deine Rechte, verfolge deine Träume und gehe deinen eigenen Weg!