Talente stärken. Inklusion leben.
Darum machen wir beim Zukunftstag mit. Bei PROCOM schaffen wir ein Arbeitsumfeld, in dem Menschen ihre Kompetenzen einbringen, Verantwortung übernehmen und mitgestalten können.
Paola ist gehörlos, Dolmetscherin und Übersetzerin für Italienische Gebärdensprache (LIS) sowie Dozentin an der Universität Milano-Bicocca. Bei PROCOM ist sie für die italienische Schweiz tätig und bringt ihre Erfahrung, ihre sprachliche Kompetenz und ihre Perspektive als gehörlose Fachperson ein.
Im Gespräch erzählt Paola, was echte Inklusion bedeutet, wie Zusammenarbeit auf Augenhöhe gelingt und warum gehörlose Fachpersonen dort mitentscheiden sollen, wo Zukunft gestaltet wird.

Am 12. November von 11 bis 12 Uhr gibt Paola in Lugano im Rahmen des Zukunftstags einen Einblick in ihre Arbeit als LIS-Übersetzerin.
Im Gespräch mit Paola
1. Wer bist du und was machst du bei PROCOM?
Mein Name ist Paola Massa. Ich bin gehörlos, Dolmetscherin und Übersetzerin für Italienische Gebärdensprache (LIS) und Dozentin an der Universität Milano-Bicocca. Bei PROCOM arbeite ich als beratende Dolmetscherin und Übersetzerin.
2. Was gefällt dir an deiner Arbeit besonders?
Ich arbeite gerne in meiner eigenen Sprache, mit der LIS im Mittelpunkt und nicht als etwas, das erst am Ende hinzugefügt wird. Ausserdem trage ich gerne zur Qualität der Dolmetscharbeit bei, denn davon hängt der tatsächliche Zugang gehörloser Menschen zu Informationen ab.
3. Was ist deine grösste Stärke?
Ich bringe sprachliche Präzision und die Perspektive einer Person mit, die die Gebärdensprache von innen kennt: Ich weiss, was beim gehörlosen Publikum wirklich ankommt und was nicht. Ich bin es gewohnt, mich zwischen verschiedenen Sprachen und Kulturen zu bewegen, und wenn etwas nicht funktioniert, spreche ich es an – respektvoll, aber klar.
4. Woran merkst du, dass deine Perspektive geschätzt wird?
Ich merke es am Vertrauen, das mir in der Beratung entgegengebracht wird. Meine Meinung wird sowohl wegen meiner fachlichen Kompetenz als auch aufgrund meiner Perspektive als gehörlose Person geschätzt. Das zeigt sich auch an einer konkreten Entwicklung: Immer häufiger werden Übersetzungen für die Website gehörlosen Dolmetscherinnen und Dolmetschern anvertraut.
5. Was braucht es für echte Inklusion am Arbeitsplatz?
Es braucht drei Dinge. Erstens muss Kommunikation immer barrierefrei sein, auch in informellen Momenten, in denen oft wichtige Entscheidungen getroffen werden. Zweitens müssen Rollen von den Kompetenzen abhängen und nicht davon, ob jemand hört. Drittens müssen gehörlose Menschen dort vertreten sein, wo Entscheidungen getroffen werden, und Zeit sowie Ressourcen für Barrierefreiheit müssen von Anfang an eingeplant werden.
6. Wie gelingt gute Zusammenarbeit zwischen gehörlosen und hörenden Dolmetschenden?
Die Zusammenarbeit funktioniert besonders gut, wenn eine gehörlose und eine hörende Dolmetschperson mit der Feeding-Technik zusammenarbeiten: Die hörende Dolmetschperson übermittelt den Inhalt, die gehörlose Dolmetschperson gibt ihn in Gebärdensprache wieder. Bei PROCOM wird diese Technik noch nicht eingesetzt, aber ein erster Schritt ist bereits gemacht: Hörende Kolleginnen und Kollegen holen während ihrer Arbeit Beratung ein. Ich hoffe, dass Feeding künftig häufiger eingesetzt wird.
7. Was bedeutet Inklusion für dich persönlich?
Für mich bedeutet Inklusion, nicht die Ausnahme zu sein, für die jedes Mal eine besondere Lösung gefunden werden muss. Ich merke es an kleinen Dingen: Informationen erreichen mich gleichzeitig wie alle anderen, Menschen kontaktieren mich selbstverständlich per E-Mail oder SMS, und meine Meinung hat einen konkreten Einfluss auf das Endergebnis.
8. Was wird beim Thema Inklusion oft missverstanden?
Kommunikation ist eine gemeinsame Verantwortung: Die Dolmetschperson ist nicht „für die gehörlose Person“ da, sondern für beide Seiten. Ausserdem bedeutet anwesend zu sein nicht automatisch, wirklich teilzunehmen. Eine gehörlose Person an einen Tisch einzuladen, ohne ihr eine echte Rolle zu geben, ist nur Inklusion zum Schein.
9. Welchen Vorurteilen begegnest du als gehörlose Fachperson?
Es gibt noch immer das Vorurteil, dass eine gehörlose Person nicht übersetzen oder beratend tätig sein könne, weil sie die italienische Sprache angeblich nicht gut genug beherrsche. Dem begegne ich sowohl im beruflichen Umfeld als auch innerhalb der gehörlosen Community. Ich antworte darauf mit meiner Arbeit und meiner Kompetenz. Wichtig ist auch die Unterstützung hörender Dolmetscherinnen und Dolmetscher, die dazu beitragen können, gehörlosen Fachpersonen mehr Sichtbarkeit und Verantwortung zu geben.
10. Welche Botschaft möchtest du jungen gehörlosen Menschen mitgeben?
Lass nicht andere darüber entscheiden, was du kannst. Deine Sprache ist eine Kompetenz, keine Einschränkung. Suche nach erwachsenen gehörlosen Menschen, die den Beruf ausüben, der dich interessiert, fordere Barrierefreiheit ein, ohne dich dafür zu entschuldigen, und entscheide dich für das, was dich begeistert – nicht für das, was angeblich „für Gehörlose geeignet“ ist.