Inklusion leben statt nur darüber reden
Wie erlebt ein gehörloser Mitarbeiter Inklusion im Arbeitsalltag? Wo gelingt die Zusammenarbeit zwischen gehörlosen und hörenden Menschen besonders gut, und wo bestehen noch Barrieren?
Andrin Siebenhaar erzählt von seinen persönlichen Erfahrungen bei PROCOM und zeigt, wie gegenseitiges Verständnis, zugängliche Kommunikation und die Wertschätzung unterschiedlicher Fähigkeiten im Arbeitsalltag gelebt werden. Als gehörloser Mitarbeiter bringt er seine kreativen Ideen und seine Erfahrungen aus der gehörlosen und der hörenden Welt ein. Für ihn bedeutet gelebte Inklusion, nicht nur dazuzugehören, sondern aktiv mitzugestalten und einen wertvollen Beitrag zum Team zu leisten.
Im Interview spricht Andrin darüber, was eine Zusammenarbeit auf Augenhöhe ausmacht, und gibt jungen gehörlosen Menschen wertvolle Tipps für ihre berufliche Zukunft.

Im Gespräch mit Andrin
1. Kannst du dich kurz vorstellen und erzählen, was deine Aufgabe bei PROCOM ist?
Mein Name ist Andrin Siebenhaar, ich bin gehörlos auf die Welt gekommen und bilingual aufgewachsen. Ich arbeite bei PROCOM als Botschafter und produziere diverse Videos für die Webseite und Social Media.
2. Was gefällt dir an deiner Arbeit bei PROCOM besonders?
Die Flexibilität, zwischen Homeoffice und vor Ort zu arbeiten. Ich spüre das Vertrauen meiner Kollegen und der Vorgesetzten. Es macht unheimlich Spass, mit anderen zusammen Projekte zu entwickeln und Videos zu realisieren.
3. Welche persönlichen Stärken bringst du in deinen Beruf ein?
Ich bin in zwei Welten aufgewachsen: in der gehörlosen und in der hörenden Welt. Ich kenne beide Kulturen, kann mich in beiden bewegen und Brücken zwischen ihnen bauen. Diese Erfahrung bringe ich in meine Arbeit bei PROCOM ein. Mir ist besonders wichtig, dass gehörlose Menschen gleichberechtigten Zugang zu Informationen und Kommunikation erhalten und hörende Menschen fachgerecht für die Sprache, Kultur und Bedürfnisse gehörloser Menschen sensibilisiert werden.
4. Woran hast du bei PROCOM gemerkt, dass deine Fähigkeiten und deine Meinung zählen?
Bei den Videoproduktionen kann ich meine kreativen Ideen einbringen und meine Perspektive als gehörloser Mitarbeiter aktiv mitgestalten. Besonders schätze ich, dass bei PROCOM die Meinungen und Erfahrungen gehörloser Menschen gefragt sind und ernst genommen werden. Meine Rückmeldungen werden gehört und fliessen nach Möglichkeit in die Weiterentwicklung von Angeboten und Lösungen für die Gehörlosencommunity ein.
5. Was braucht es aus deiner Sicht, damit gehörlose und hörende Menschen wirklich auf Augenhöhe zusammenarbeiten können?
Für mich sind gegenseitige Offenheit, Respekt und Akzeptanz besonders wichtig. Bei PROCOM erlebe ich das im Arbeitsalltag. Wir lernen voneinander, gehen auf unterschiedliche Kommunikationsbedürfnisse ein und respektieren die Meinungen und Erfahrungen der anderen. Das macht für mich eine gute Zusammenarbeit auf Augenhöhe aus.
6. Kannst du uns ein konkretes Beispiel erzählen, bei dem die Zusammenarbeit zwischen gehörlosen und hörenden Mitarbeitenden besonders gut funktioniert hat?
Bei den Videoproduktionen erlebe ich, dass meine Ideen und Vorschläge ernst genommen werden. Ich ergreife gerne die Initiative und schätze es sehr, dass mir das Vertrauen und der Freiraum gegeben werden, meine Ideen selbstständig umzusetzen. So kann ich mich kreativ entfalten und meine Stärken einbringen.
Auch bei der Untertitelung von Videos ergänzen wir uns gut: Hörende Mitarbeitende übernehmen die gesprochenen Inhalte, gehörlose Mitarbeitende die gebärdeten. So bringt jeder seine Fähigkeiten ein und wir profitieren voneinander.
7. Was bedeutet Inklusion für dich persönlich – und woran merkst du, dass sie im Arbeitsalltag wirklich funktioniert?
Für mich bedeutet Inklusion eine respektvolle und harmonische Zusammenarbeit, unabhängig vom persönlichen Hintergrund. Bei PROCOM erlebe ich, dass darauf geachtet wird, dass alle einander verstehen, ihre Stärken einbringen können und sich als gleichwertiger Teil des Teams fühlen.
8. Gibt es etwas, das Arbeitgeber oder hörende Kolleginnen und Kollegen über die Zusammenarbeit mit gehörlosen Menschen besser verstehen sollten?
Ich finde es wichtig, dass hörende Menschen die Grundlagen der Gebärdensprache kennenlernen. Ausserhalb von PROCOM erlebe ich immer wieder, wie schnell gehörlose Menschen von Gesprächen ausgeschlossen werden. Ich würde hörenden Menschen deshalb empfehlen, einmal einen Abend in einem gehörlosen Freundeskreis zu verbringen. Wenn alle schnell miteinander gebärden und man selbst nichts versteht, erlebt man, wie sich Ausgrenzung anfühlt. Genau das ist für uns Gehörlose im Alltag oft Realität, wenn hörende Menschen schnell durcheinander sprechen.
9. Hast du schon einmal erlebt, dass dir aufgrund deiner Gehörlosigkeit weniger zugetraut wurde? Wenn du darüber sprechen möchtest: Wie bist du damit umgegangen und was hätte die Situation besser gemacht?
Im Alltag erlebe ich bei Begegnungen mit fremden Menschen immer wieder, dass hörende Personen ein Gespräch beginnen, es aber schnell beenden, sobald sie erfahren, dass ich gehörlos bin. Ich würde mir wünschen, dass sie offener reagieren und versuchen, mit uns zu kommunizieren. Wir möchten genauso wahrgenommen und einbezogen werden wie alle anderen. Ich selbst versuche dann, mit etwas Lautsprache oder anderen Kommunikationsmöglichkeiten zu zeigen, dass eine Verständigung trotzdem möglich ist.
10. Was würdest du einer gehörlosen Person im Alter von 14 Jahren mitgeben, die sich Gedanken über ihre berufliche Zukunft macht?
Lass dich durch deine Gehörlosigkeit nicht einschränken und verfolge deine Ziele. Wenn du noch nicht weisst, welchen Beruf du später ausüben möchtest, empfehle ich dir eine abwechslungsreiche Lehre. Versuche, wenn möglich, die Berufsmatura zu machen – während oder nach der Lehre. Sie eröffnet dir viele Möglichkeiten für weitere Ausbildungen. Und wenn du merkst, dass dein erster Beruf nicht zu dir passt, kannst du auch eine Zweitlehre machen. Wichtig ist, dass du dich im Betrieb einbringen kannst, ernst genommen wirst und dich als Teil des Teams fühlst. Scheue dich nicht, bei Bedarf Unterstützung von Beratungsstellen oder der IV zu holen.
Zukunftstag – 12. November 2026
Am 12. November von 14 bis 15 Uhr zeigt Andrin Siebenhaar in Olten und online im Rahmen des Zukunftstags, wie er als gehörlose Person eigene Ideen verwirklicht, Chancen nutzt und seinen beruflichen Weg selbstbestimmt gestaltet. Der Beitrag in DSGS wird in LSF und LIS übersetzt.