«Inklusion bedeutet für mich, selbstständig handeln zu können»
Stefan Freiberger ist selbstständiger Malermeister und gleichzeitig bei PROCOM als Übersetzer für die Deutschschweizer Gebärdensprache (DSGS) angestellt.
Zwei berufliche Tätigkeiten, unterschiedliche Aufgaben und eine gemeinsame Grundlage: die eigenen Stärken einbringen und selbstbestimmt arbeiten.
Bei PROCOM übersetzt Stefan deutschsprachige Texte in die Deutschschweizer Gebärdensprache (DSGS) und produziert daraus Gebärdensprachvideos, damit wichtige Informationen auch für gehörlose Menschen zugänglich sind.

Als selbstständiger Malermeister steht er regelmässig mit hörenden Kundinnen, Kunden und Fachpersonen in Kontakt.
Im Interview erzählt er, wie er seine Fähigkeiten in beiden Berufen einsetzt, was eine gute Zusammenarbeit zwischen gehörlosen und hörenden Menschen ausmacht und weshalb barrierefreie Kommunikation für ihn ein wichtiger Bestandteil gelebter Inklusion ist. Ausserdem gibt er jungen gehörlosen Menschen wertvolle Gedanken für ihre berufliche Zukunft mit auf den Weg.
Am 12. November von 12 bis 13 Uhr gibt Stefan im Rahmen des Zukunftstags einen Einblick in seine Arbeit als DSGS-Übersetzer.
Im Gespräch mit Stefan
1. Kannst du dich kurz vorstellen und erzählen, welche Aufgaben du bei PROCOM übernimmst?
Ich bin selbstständiger Malermeister und gleichzeitig bei PROCOM als Übersetzer angestellt. Dort übersetze ich deutschsprachige Texte in die Deutschschweizer Gebärdensprache (DSGS) und produziere daraus Gebärdensprachvideos.
2. Was gefällt dir an deiner Arbeit bei PROCOM besonders?
Mir gefällt besonders, dass ich selbstständig von zu Hause aus arbeiten kann. Ich erhalte die Texte per E-Mail und kann mir genügend Zeit nehmen, um sie sorgfältig zu lesen, bei Bedarf zu recherchieren und die Gebärdensprachvideos vorzubereiten und fertigzustellen. Auch die unkomplizierte Zusammenarbeit auf Augenhöhe schätze ich sehr.
3. Welche persönlichen Stärken bringst du in deinen Beruf ein?
Meine Stärke liegt darin, Informationen in Gebärdensprache klar und verständlich zu vermitteln. Mir ist besonders wichtig, dass gehörlose Menschen einen barrierefreien Zugang zu Informationen haben und auf Augenhöhe informiert werden.
4. Woran merkst du bei PROCOM, dass deine Fähigkeiten und deine Meinung zählen?
Mit meinen Gebärdensprachvideos trage ich dazu bei, dass gehörlose Menschen die PROCOM-News gut verstehen und über wichtige Entwicklungen informiert bleiben. So kann ich meine Fähigkeiten gezielt einsetzen und einen wertvollen Beitrag zur barrierefreien Kommunikation leisten.
Gleichzeitig fühle ich mich bei PROCOM als Mensch ernst genommen und wertgeschätzt. Meine Meinung ist gefragt, und ich habe die Möglichkeit, meine Ideen und Erfahrungen aktiv einzubringen.
5. Was braucht es aus deiner Sicht, damit gehörlose und hörende Menschen wirklich auf Augenhöhe zusammenarbeiten können?
Gehörlose Menschen bringen ihre Stärken in der Gebärdensprache ein, hörende Menschen ihre Stärken in der deutschen Lautsprache. Entscheidend sind gegenseitiger Respekt, ein offener Austausch und die Bereitschaft, voneinander zu lernen. So können beide Seiten ihre Fähigkeiten einbringen und sich gemeinsam weiterentwickeln.
Bei PROCOM erlebe ich genau diese Haltung im gesamten Team. Die Zusammenarbeit auf Augenhöhe wird hier nicht nur angesprochen, sondern im Alltag gelebt.
6. Kannst du uns ein konkretes Beispiel erzählen, bei dem die Zusammenarbeit zwischen gehörlosen und hörenden Mitarbeitenden besonders gut funktioniert hat?
Wenn ich deutschsprachige Texte erhalte, gibt es manchmal Redewendungen, deren Bedeutung ich nicht sofort verstehe. Dann kann ich mich mit hörenden Dolmetscherinnen und Dolmetschern austauschen. Gemeinsam klären wir die Bedeutung, damit ich eine passende Übersetzung in Gebärdensprache entwickeln kann.
Dieser Austausch ist für die Qualität der Gebärdensprachvideos sehr wertvoll und zeigt mir, wie gut die Zusammenarbeit funktioniert, wenn beide Seiten ihre Kenntnisse einbringen.
7. Was bedeutet Inklusion für dich persönlich – und woran merkst du, dass sie im Arbeitsalltag wirklich funktioniert?
Ich bin selbstständiger Malermeister und arbeite regelmässig mit hörenden Kundinnen, Kunden und Fachpersonen zusammen. Dank der Videovermittlung und der Online-Dolmetschdienste von PROCOM kann ich auch komplexe Gespräche führen und geschäftliche Angelegenheiten selbstständig klären.
Für mich bedeutet das echte Inklusion im Arbeitsalltag: Ich kann meine Arbeit selbstbestimmt ausüben und wichtige Entscheidungen eigenständig treffen.
8. Gibt es etwas, das Arbeitgeber oder hörende Kolleginnen und Kollegen über die Zusammenarbeit mit gehörlosen Menschen besser verstehen sollten?
Offene Kommunikation, gegenseitiges Feedback und regelmässiger Austausch sind sehr wichtig. Wenn wir aufeinander eingehen und bereit sind, voneinander zu lernen, können wir Missverständnisse vermeiden und unsere jeweiligen Stärken einbringen.
Bei PROCOM erlebe ich, wie gut das funktionieren kann. Ich schätze diese offene und respektvolle Zusammenarbeit sehr und arbeite deshalb gerne für PROCOM.
9. Hast du schon einmal erlebt, dass die Kommunikation aufgrund deiner Gehörlosigkeit schwierig war? Wie bist du damit umgegangen?
Ja, zum Beispiel bei Facharztterminen. Manchmal habe ich erlebt, dass Ärztinnen oder Ärzte gestresst oder ungeduldig waren, weil die Kommunikation schwierig war.
In solchen Situationen habe ich direkt den Online-Dolmetschdienst eingeschaltet. So konnten wir uns besser verständigen und das Gespräch gemeinsam weiterführen.
10. Was würdest du einer gehörlosen Person im Alter von 14 Jahren mitgeben, die sich Gedanken über ihre berufliche Zukunft macht?
Finde heraus, welche Stärken, Interessen und beruflichen Ziele du hast. Glaube an dich selbst, verfolge deine Träume und gib niemals auf – auch wenn es manchmal Hindernisse gibt.