Gelebte Inklusion bei PROCOM: Gemeinsam Verantwortung übernehmen

Wie gelingt erfolgreiche Zusammenarbeit zwischen gehörlosen und hörenden Menschen? Welche Rolle spielen gegenseitiges Vertrauen und offene Kommunikation?

Thomas Schmidt war von 2023 bis 2025 Mitglied der Führungsebene der Stiftung PROCOM und im Bereich Organisationsentwicklung tätig. Dabei beschäftigte er sich mit der Weiterentwicklung von Strukturen, Prozessen und der Zusammenarbeit innerhalb der Organisation.

Im Interview erzählt Thomas von seinen Erfahrungen bei PROCOM und davon, was Zusammenarbeit im Arbeitsalltag gelingen lässt. Während seiner Zeit bei PROCOM hat Thomas erlebt, wie gehörlose und hörende Menschen zusammenarbeiten, ihre unterschiedlichen Fähigkeiten einbringen und gemeinsam Verantwortung übernehmen. Vertrauen, gegenseitiger Respekt und Offenheit prägen diese Zusammenarbeit.

Zum Nationalen Zukunftstag möchte er diese Erfahrungen weitergeben und junge gehörlose Menschen ermutigen, an ihre Fähigkeiten zu glauben und ihren beruflichen Weg selbstbewusst zu gestalten.

Referat

Thomas Schmidt, von 2023 bis 2025 in der Organisationsentwicklung bei PROCOM, berichtet aus eigener Erfahrung, wie erfolgreiche Zusammenarbeit zwischen gehörlosen und hörenden Mitarbeitenden gelingt – mit klarer Kommunikation, gegenseitigem Vertrauen und Verantwortung auf beiden Seiten. 

Wann: 12. November 2026, 13 – 14 Uhr, Olten und online, DSGS übersetzt in LSF und LIS

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Im Gespräch mit Thomas

1. Kannst du dich kurz vorstellen und erzählen, was deine Aufgabe bei PROCOM war?

Mein Name ist Thomas Schmidt. Ich gehörte von 2023 bis 2025 zur Führungsebene der Stiftung PROCOM und war für die Organisationsentwicklung mitverantwortlich. Ich habe die strategische Ausrichtung der Stiftung mitgestaltet und dabei die Entwicklung der Organisationskultur begleitet. Zu meinen Aufgaben gehörten ausserdem die Weiterentwicklung interner Abläufe, das Qualitätsmanagement und die Zusammenarbeit innerhalb der Organisation.

2. Was hat dir an deiner Arbeit bei PROCOM besonders gefallen?

Besonders geschätzt habe ich den Austausch mit meinen gehörlosen und hörenden Kolleginnen und Kollegen aus verschiedenen Sprachregionen. Unter uns hatten unterschiedliche Meinungen Platz, und ich habe bewusst darauf gesetzt: Meinungsvielfalt ist eine wichtige Grundlage für Entwicklung. Wenn verschiedene Sichtweisen zusammenkommen, entstehen bessere Lösungen. Unterschiedlicher Meinung zu sein ist kein Problem, sondern gehört dazu.

3. Welche persönlichen Stärken bringst du in deinen Beruf ein?

Ich denke vernetzt und bringe Menschen und Strukturen zusammen. Ich beziehe die Menschen von Anfang an mit ein und entwickle Lösungen gemeinsam mit ihnen. Als Organisationsentwickler war es mir wichtig, Vertrauen zu schaffen, Menschen etwas zuzutrauen und tragfähige Lösungen zu finden.

4. Was nimmst du aus deiner Zeit bei PROCOM mit?

Ich nehme aus meiner Zeit bei PROCOM mit, wie viel Vertrauen und Freiraum bewirken können. Die Geschäftsleitung hat mir viel Vertrauen entgegengebracht und mir die Möglichkeit gegeben, selbstständig zu arbeiten und Ideen zu entwickeln. Ich hatte die Zeit, Konzepte sorgfältig zu erarbeiten.

5. Was braucht es aus deiner Sicht, damit gehörlose und hörende Menschen wirklich auf Augenhöhe zusammenarbeiten können?

Es braucht Respekt, Vertrauen und Offenheit und die Bereitschaft, auf Andersdenkende zuzugehen. Entscheidend ist, dass alle ernst genommen werden und die Möglichkeit erhalten, mitzugestalten. Ebenso wichtig ist die Motivation, einen Beitrag zu leisten und eigene Gedanken und Vorschläge aktiv in Organisation und Team einzubringen. Hörende Kolleginnen und Kollegen können viel dazu beitragen, indem sie sich zum Beispiel an Sitzungen Zeit nehmen und klar kommunizieren. Gehörlose und hörbehinderte Menschen können mit Mut das Gespräch suchen, auch wenn die Kommunikation manchmal erschwert ist, etwa durch Dolmetschende oder direkte schriftliche Kommunikation. Darum ist mir der Zukunftstag wichtig: Ich möchte junge Menschen auf diesem Weg unterstützen.

6. Kannst du uns ein konkretes Beispiel erzählen, bei dem die Zusammenarbeit zwischen gehörlosen und hörenden Mitarbeitenden besonders gut funktioniert hat?

Ein gutes Beispiel ist die gemeinsame Weiterentwicklung von Arbeitsabläufen. Im Bereich Marketing zum Beispiel haben wir den Ablauf für Publikationen schriftlich festgehalten und die Verantwortlichkeiten klar definiert. Dadurch waren weniger Abstimmungen nötig, und die Zusammenarbeit zwischen gehörlosen und hörenden Mitarbeitenden lief reibungsloser und schneller.

Auch bei der internen Kommunikation zeigt sich das: Visuelle Informationen und verständliche Dokumentationen erleichtern die Zusammenarbeit für alle. Entscheidend ist, dass alle bereit sind, ihren Beitrag zu leisten. Grundvoraussetzung dafür ist ein gutes Sicherheitsgefühl am Arbeitsplatz: Man darf Fragen stellen, Fehler ansprechen und die eigene Meinung sagen, ohne Nachteile zu befürchten.

7. Was bedeutet Inklusion für dich persönlich – und woran merkst du, dass sie im Arbeitsalltag wirklich funktioniert?

Inklusion bedeutet für mich, dass jeder Mensch mit seinen Fähigkeiten ernst genommen wird und einen Beitrag leisten kann. Dazu gehört auch, dass jeder Mensch zuerst als Mensch gesehen wird, mit seiner Persönlichkeit und seinen Stärken. Inklusion zeigt sich im täglichen Miteinander, etwa daran, dass alle die gleichen Informationen erhalten und ihre Gedanken einbringen können.

8. Was sollten Arbeitgeber und hörende Kolleginnen und Kollegen über die Zusammenarbeit mit gehörlosen Menschen wissen?

Mitarbeitende bringen Fachwissen und Erfahrung mit, und genau das sollte im Zentrum stehen. Wichtig sind klare Informationen, gut vorbereitete Sitzungen und genügend Zeit für den Austausch, auch für Gespräche mit Dolmetschenden oder den schriftlichen Austausch. Wenn alle Vertrauen erhalten und ihre Ideen einbringen können, profitieren das ganze Team und die Organisation.

9. Was würdest du einer gehörlosen Person im Alter von 14 Jahren mitgeben, die sich Gedanken über ihre berufliche Zukunft macht?

Du darfst an dich und deine Fähigkeiten glauben und deine Ziele verfolgen. Du bist ok, und die anderen sind es auch. Es lohnt sich, deine Stärken zu nutzen, zu sagen, was du brauchst, und deine Gedanken und Vorschläge einzubringen. Es hilft, offen für das Menschliche zu sein, denn niemand ist perfekt, weder du noch die anderen. Meinungsverschiedenheiten sind ein Geschenk für ein Team, und du kannst sie respektvoll angehen. Ich wünsche dir den Mut, deinen eigenen Weg zu gehen. Selbstvertrauen ist die Basis.